Menü
HomeBerichte„Fragt uns, denn wir sind die Letzten“

„Fragt uns, denn wir sind die Letzten“

von Florian Dropsch (8A)

„Fragt uns, denn wir sind die Letzten!“– So lautete das Motto des diesjährigen Projektes „Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg interviewen“. Es fand unter der Leitung von Dr. André Griemert, Lehrer für Geschichte und PoWi an der Hohen Landesschule, in der Projektwoche kurz vor Schuljahresende statt und soll in den nächsten Jahren im Rahmen einer Geschichts-AG fortgeführt werden.

 

Neun Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 8 interviewten hierzu die drei Zeitzeugen Alfred Schendzielorz, Franz Josef Gründges und Johanna Leipold, die ihre Lebensgeschichte aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit berichteten. Auf diese Weise bekamen die Teilnehmer viele neue Eindrücke über das Leben in den Jahren 1939 bis 1949.

2018 06 HP Zeitzeugen
v. l. n. r.: Nicole Babitsch, Eva Bondank, Noah Ohly, Marvin Müller, Franz Josef Gründges (Zeitzeuge), Florian Dropsch, Christoph Müller, Jonah Kahlert, Tom Slomka

Zwei der drei Interviewten lebten in dieser Zeit in Hanau und berichteten über den Bombenangriff auf Hanau am 19. März 1945, bevor Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte. Die älteste Zeitzeugin der Woche, die nun 97-jährige Johanna Leipold, schilderte zudem sehr eindringlich die schlechten Lebensverhältnisse während der Kriegszeit und verblüffte die Schülerinnen und Schülern mit ihrem immensen Gedächtnis und ihrer Fähigkeit, anschaulich die damaligen Begebenheiten gleichsam zum Leben zu erwecken. Sie entwickelte ein Panorama der gesamten NS-Zeit und nahm die Schülerinnen und Schüler auf eine Zeitreise der ganz besonderen Art mit. Besonders die Schilderungen der Umstände des Todes ihres Vaters berührten die Schülerinnen. Die Achtklässlerin Nicole Babitsch gab im Anschluss offen zu: „An der Stelle musste ich mir schon eine Träne verkneifen!“

Der dritte Zeitzeuge Franz Josef Gründges lebte zu jener Zeit in Essen (Nordrhein-Westfalen), wo aufgrund der Bedeutung der Stahlindustrie schon wesentlich früher Bomben fielen. Er schilderte vor allem die Schwierigkeiten in der Nachkriegszeit bis 1956, die aufgrund der Langzeitfolgen des Krieges sehr von Armut geprägt gewesen seien. Allerdings sei sein Dorf am Rande des Ruhrgebietes glimpflich vom Krieg davon gekommen. Indessen gab es auch hier das lange Schweigen über die NS-Zeit bei der Vätergeneration, die ihn später dazu veranlasst habe, sich als Geschichtslehrer intensiv mit diesen Jahren sowohl mit Schülerinnen und Schülern als auch wissenschaftlich auseinanderzusetzen.

Alfred Schendzielorz hingegen berichtete, wie er als kleiner Junge im Wald mit der Uniform der Hitlerjugend saß und bitterlich weinte über die Niederlage Deutschlands. Wenige Wochen später sei dies aber vergessen gewesen: Es habe auf ihn und seine Freunde ein riesiger Abenteuerspielplatz gewartet. Allerdings berichtete auch er von vielen gefährliche Situationen, die nach 1945 auf ihn als Junge warteten. Gerade die Schilderung dieser Erlebnisse machte den Schülerinnen und Schülern deutlich, dass es eben eine Zeit war, die vom Krieg geprägt war. Insofern formulierte Alfred Schendzielorz als Fazit für die Projektwoche ein für die Jugendlichen auch heute noch treffendes Schlusswort: „Heute leben wir in einer wirtschaftlich sehr guten Zeit; viel besser als damals. Egal, was Sie verdienen, es ist ein gutes Einkommen. Seien Sie sozial und lernen Sie aus den Fehlern, die 66 Millionen Unschuldige das Leben gekostet haben.“

2018 06 HP Zeitzeugen Alfred Schendzielorz

Johanna Leipold mahnte die Schülerinnen und Schüler angesichts ihrer noch frischen Bilder von Auftritten der NS-Größen wie Hitler oder Göring: „Dieser Jubel, man kann ihn gar nicht beschreiben … – das war richtige Hysterie. Und jetzt denke ich oft, damals war es Begeisterung, aber wenn diese Hysterie den Mob hervorruft und einer nur den Stein wirft, dann machen sie alle mit, weil sie mitgerissen werden, so wie sie damals mitgerissen wurden mit dem Jubel und das ist auch heute noch das Gefährliche!“

Dies sind mahnende Worte, die gerade in der heutigen Zeit nichts von ihrer Aktualität verloren zu haben scheinen, wie auch die Schülerinnen und Schüler anmerkten.

Zum Seitenanfang