von Alexandra Volpe
Es ist Dienstagmorgen, 08.00 Uhr an der Hohen Landesschule im zweiten Obergeschoss des Hauptgebäudes. An der Flurtür hängt ein großes Plakat mit der Aufschrift: „Wir setzen die Segel“. Darunter ist ein Schiff mit aufgeblähten Segeln auf hoher See zu sehen. Ein weiteres Schild zeigt an, dass hier der Hausschuhbereich beginnt. Die offenen Türen lassen den Blick in das Lernbüro zu. Gerade beenden 62 Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse ihren Check-in und starten an ihrem eigenen, individuell gestalteten Arbeitsplatz in die Lernzeit. Es herrscht Bibliotheksatmosphäre, die Kinder arbeiten leise an ihren Aufgaben und melden sich mit Hilfe eines Fähnchens, wenn sie Hilfe benötigen. Noch die ganze erste Stunde werden sie auf diese Weise ruhig in ihren Lerntag starten, ihre Tagesziele festlegen und an ihren Aufgaben arbeiten, bevor ab der zweiten Stunde die Lernlandschaft geöffnet wird und sie dann selbst entscheiden können, mit wem sie wo und an welchen Inhalten arbeiten möchten.
Unter diesem Motto hat die Hohe Landesschule Hanau vom 19. Februar bis zum 13. März eine vierwöchige Testphase zum selbstgesteuerten Lernen durchgeführt. Ziel des Projekts war es, die Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Reflexionsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu stärken und zugleich zu prüfen, wie tragfähig ein solches Konzept im Schulalltag ist.
Ausgangspunkt ist ein grundlegender Wandel der Anforderungen an Schule: Neben fachlichem Wissen gewinnen Kompetenzen wie eigenständiges Arbeiten, Organisation und Selbstreflexion zunehmend an Bedeutung. Als Teil der Bund-Länder-Initiative LemaS (Leistung macht Schule), an der die Schule seit 2022 beteiligt ist, setzt sich die Hohe Landesschule daher intensiv mit neuen Lernformen auseinander.
Ein schulinterner Arbeitskreis aus Lehrkräften und Elternvertretungen entwickelte in den vergangenen Jahren ein Konzept, das Individualisierung und persönliche Lernsteuerung in den Mittelpunkt stellt.
Hospitationen, Fortbildungen und der Austausch mit anderen Schulen lieferten wichtige Impulse. Das Ergebnis ist ein Modell, das klassische Unterrichtsstrukturen aufbricht und stärker auf eigenverantwortliches Lernen setzt – begleitet durch regelmäßiges Lerncoaching.
Während der Testphase arbeiteten die Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Lernformaten: Im „Lernbüro“ bearbeiteten sie eigenständig individuelle Aufgaben, in der „Lernwelt“ vertieften sie Inhalte gemeinsam mit anderen. Der „Inputraum“ diente der gezielten fachlichen Unterstützung durch Lehrkräfte, während im „Sprachencafé“ kommunikative Kompetenzen – insbesondere in Englisch – gefördert wurden.
Die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler zeigen ein differenziertes Bild. Viele nahmen die neu gewonnene Freiheit als Chance wahr, stießen jedoch auch auf Herausforderungen: „Mein Zeitmanagement passt noch nicht so gut“, resümiert eine Schülerin. Ein anderer Schüler stellt fest: „Ich lasse mich oft von meinen Freunden ablenken.“ Auch die eigenverantwortliche Strukturierung des Lernens fiel nicht allen leicht: „Ich habe manche Aufgaben zu lange vor mir hergeschoben“, berichtet ein Schüler selbstkritisch.
Zugleich wurde deutlich, dass das selbstgesteuerte Lernen ein hohes Maß an Disziplin und Selbstorganisation erfordert. „Es ist schon anstrengend, wenn ich alles selbst entscheiden muss“, sagt eine Schülerin. „Manchmal bin ich froh, wenn die Lehrkraft klare Vorgaben macht.“ Diese Rückmeldungen verdeutlichen, dass der Übergang zu neuen Lernformen Zeit braucht und eng begleitet werden muss.
Ein zentraler Bestandteil des Konzepts waren daher regelmäßige Coachinggespräche, in denen die Schülerinnen und Schüler ihren Lernprozess reflektierten und Unterstützung bei der Planung erhielten.
Viele entwickelten dabei ein besseres Verständnis für ihre eigenen Lernstrategien und erkannten, wie wichtig ein gutes Zeitmanagement für ihren Erfolg ist.
Auch aus Sicht der Lehrkräfte zeigte sich ein vielschichtiges Bild. Besonders das Arbeiten im Team innerhalb der offenen Lernlandschaft wurde als großer Gewinn wahrgenommen. Die enge Zusammenarbeit ermöglichte eine intensivere Abstimmung und eröffnete neue didaktische Spielräume.
Gleichzeitig bot die veränderte Rolle der Lehrkraft als Lernbegleitung einen deutlich individuelleren Zugang zu den Schülerinnen und Schülern und ihren Lernprozessen.
Die Testphase wurde in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Digitale Welt sowie in den Bereichen „Lernen lernen“ und „soziales Lernen“ durchgeführt. Jahrelange Erfahrungen aus dem Fach Naturwissenschaften konnten dabei einbezogen werden.
Mit dem Projekt hat die Hohe Landesschule einen wichtigen Schritt unternommen, um Unterricht zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Die gewonnenen Erkenntnisse werden nun ausgewertet und fließen in die Entscheidung ein, wie das Konzept künftig angepasst und möglicherweise dauerhaft im Schulalltag verankert werden kann.
