von Stefan Prochnow

Jeden Morgen fahren an hessischen Schulen viele Busse vor. So auch an der Hohen Landesschule Hanau (HOLA). Aus den Bussen steigen dann Dutzende Schüler, die langsam oder schnell, motiviert oder lustlos, eilig oder entspannt in den Unterricht gehen.
Doch aus dem schwarzen Gelenkbus, der am frühen Morgen des 11. März auf den Schulhof der HOLA einbog, stiegen keine Schüler aus, sondern Günter Horn und Mirko Wegemann vom Frankfurter Verein „mehr als wählen“.

Sie betreuen zusammen mit Ankathrin Förster von der „Lust auf besseres Leben gGmbH“ als Teamer den „Demokratiebus“, der soeben auf den Schulhof der HOLA gefahren war.
Der imposante, fast 20 Meter lange Bus ist weder von außen noch von innen betrachtet ein normaler Bus. Außen ist er schwarz lackiert, aber auch mit vielen (Be-)Zeichnungen verziert: vorne prangt ein „DemokratieWagen“, über der Hintertür steht „Streitbus“, Figuren mit dem Antlitz antiker Griechen tragen Sprechblasen wie „Demokratie im Kommen“ und „Konsens oder Dissens?“. Auch ist zu lesen „Mehr Perspektiven“, „Mehr Demokratie“ und ein „Einsteigen. Mitmachen“ lädt zum Betreten des Fahrzeugs ein.

Foto: Gary Weigel (E2 Wiwi1) als "Busfahrer" - natürlich nur im Stand
Foto: Gary Weigel (E2 Wiwi1) als „Busfahrer“ – natürlich nur im Stand

Die Schüler lernen im Bus, auf demokratischem Wege Entscheidungen zu treffen. Sie lernen aber auch, dass die Beteiligungsmöglichkeiten in einer Demokratie unterschiedlich sind. So dürfen 16- und 17-Jährige in Hessen nicht bei den Kommunalwahlen mitentscheiden, ebenso wenig wie Einwanderer mit beispielsweise türkischem oder kenianischem Pass. Aber auch diejenigen, die wählen oder sich anderweitig politisch betätigen dürfen, tun dies oft nicht, sei es aus Frust, Desinteresse oder mangelnder Information.
„Wir wollen in dem Bus auch Mut und Lust darauf machen, sich einzubringen, damit die Stimmen der Jugendlichen gehört werden“, sagt Annkathrin Förster.

Foto: Zogen ein überwiegend positives Fazit über den Demokratiebus: Schüler des Kombikurses Wiwi E2 (Prochnow) in der „Lounge“ im Busheck

Der Bus wurde vor dem Schrottplatz gerettet, ist seit 2019 für die Demokratie unterwegs, wurde zuletzt 2023 umgebaut und hat seitdem einen Monitor, Infotafeln und eine gemütliche Lounge im Heck. „Wir besuchen in diesem 15 Schulen“, berichtet Günter Horn. Der Bus ist Teil des Projekts „young urban future“ und konnte finanziert werden, weil Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet „World Design Capital“ ist. „Wir wollen Schülern Demokratie nicht nur mit Texten näherbringen, sondern sie in einem kurzen Rollenspiel selbst erleben lassen, welche Beteiligungsmöglichkeiten sie haben“, sagt Mirko Wegemann. Demokratie ist mehr als wählen, auch Zivilcourage, Zeitunglesen, Leserbriefe schreiben, Echokammern verlassen oder soziales Engagement zählen für uns dazu, ergänzt Wegemann.
Den Schülern hat besonders das Diskutieren und Debattieren im Rollenspiel gefallen, zum Beispiel über das Ziel des Wandertages oder der Studienfahrt. Je nach Sitzplatz hatten sie unterschiedliche Beteiligungsrechte. Wer entgegen der Fahrtrichtung saß, durfte nicht mit abstimmen. „Da habe ich gemerkt, wie blöd es sich anfühlt, wenn man nicht mitentscheiden darf“, sagte eine Schülerin aus der Jahrgangsstufe 11. Deutlich wohler fühlten sich Gary Weigel und Krish Khanna aus demselben Kurs: „Als Busfahrer hatten wir ein Vetorecht bei den Ausflugszielen“.
Insgesamt haben 75 Schüler aus der Klasse 10A und dem Politik-Leistungskurs 12 von HOLA-Lehrerin Melanie Schmitt und der Wirtschafts-Kombikurs 11 sowie der Wahlunterricht Recht 9/10 von Fachbereichsleiter Stefan Prochnow am Projekt teilgenommen. Prochnow hofft, dass der Demokratiebus irgendwann wieder den Weg an die HOLA findet.